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Autor
Simon Schütt, MDZ

Fit für das Arbeitsvisum?

Integrationstest im Selbstversuch.

Etwa 50 Männer warten in Lederjacken in der Nähe einer Puschkin-Statue und halten ihre Pässe in den Händen. Usbekistan oder Kirgisistan ist meist darauf zu lesen. Sie warten im Puschkin-Institut in Moskau, um sich für den Migrationstest zu registrieren, der neuerdings für eine Arbeitserlaubnis Pflicht ist. Neben den vielen Zentralasiaten ist dort auch eine recht große Anzahl von Ukrainern anwesend und einige Europäer.

Anfang 2015 wurde ein Test für alle Ausländer, die in Russland arbeiten wollen, eingeführt. Neben ihren Kenntnissen der russischen Sprache müssen die ausländischen Bewerber darin beweisen, dass sie die Geschichte und die Gesetze des Landes grundlegend beherrschen – vergleichbar mit dem deutschen Einbürgerungstest.

INFO:
Die Prüfung für eine Arbeitserlaubnis für Ausländer besteht aus einem Russischtest (Lexik, Grammatik, Lese- und Hörverstehen, mündliche Prüfung und Schreiben), einem Geschichtstest und einem Test über Basiskenntnisse des russischen Rechts (Migrationsrecht). Das Gesetz dazu wurde im April 2014 von Präsident Putin unterschrieben und ist seit 1. Januar 2015 in Kraft. Bereits seit 2012 gab es einen verpflichtenden Sprachtest für Ausländer mit Kundenkontakt, der nun verschärft wurde.

Eine wichtige Frage, die Arbeitgeber mit ausländischen Arbeitnehmern nun beschäftigen dürfte, ist, welche Russischkenntnisse erforderlich sind, um den Test zu bestehen. Drei deutsche Redakteure der MDZ haben den Test bereits gemacht – und bestanden. Zwei von ihnen sprachen Russisch auf sehr gutem Niveau – mindestens C1 des europäischen Referenzrahmens – einer auf einem Niveau von B1. Auch mit diesem Niveau konnte er bestehen. Anhand der drei Testgruppen lässt sich sogar sagen: Die überwiegende Mehrheit der Prüflinge besteht den Test. Bei einer der drei Prüfungen, an denen unsere Redakteure teilnahmen, bestanden sogar 49 von 50 angetretenen Ausländern.

Der Ablauf des Tests sieht so aus: Nach der Registrierung gehen die Teilnehmer nacheinander in einen Prüfungssaal, wo sie kurz einer Prüferin gegenübersitzen, die mit ihnen Smalltalk hält. Dazu stehen auf einem Zettel Fragen nach Name, Alter, Herkunft und Beschäftigung, die sie beantworten sollen. Anschließend setzt man sich wie in der Schule an Zweier-Tische und bekommt nacheinander verschiedene Multiple-Choice-Tests vorgelegt.

„Dabei geht es vor wie zu Schulzeiten“, berichtet ein MDZ-Redakteur von seiner Prüfung. „Es war chaotisch, viele halfen einander bei den Fragen und sagten sich Antworten vor.“ Schwieriger als der Sprachtest, der nur einfaches Vokabular und Grammatik verlangt, ist der Geschichtstest. Hier wird etwa gefragt, wer aus dem Vaterländischen Krieg von 1812 als Sieger hervorging: Frankreich, Russland oder Deutschland.

Bei allen Fragen ist immer nur eine der drei Antwortmöglichkeiten richtig. Beim Geschichts- und Rechtsteil müssen zum Bestehen 50 Prozent der Antworten richtig beantwortet werden. Fast die Hälfte besteht aus Fragen, die sich aus Logik und Allgemeinwissen ableiten lassen.

Der schwerste Teil der Prüfung kommt zuletzt: der Fragebogen zu den russischen Gesetzen. Dabei gibt es wieder einige einfache Fragen, bei denen man Rubel- von Dollar- oder Euronoten unterscheiden oder die russische Flagge auswählen muss. Die übrigen Fragen haben es aber in sich: „Innerhalb welcher Frist müssen ausländische Bürger das Land verlassen, wenn ihre Arbeitserlaubnis abläuft – innerhalb von einem, zwei oder drei Tagen?“ Es sind drei, aber dafür muss man sich zuvor intensiv mit dem russischen Migrationsrecht beschäftigt und die Frage auf Russisch verstanden haben. Hier liegt die größte Gefahr, durchzufallen.

Würden Sie Integrationstest schaffen?

Einer unserer Redakteure berichtete nach seinem Test davon, dass westliche Ausländer bevorzugt behandelt worden seien. Die Prüferin habe Deutschland gelobt und sich sogar für die zentralasiatischen Prüflinge entschuldigt. Zu den Prüfungen kamen außerdem viele Ukrainer, die fließend Russisch sprachen und sogar versuchten, mit der Prüferin zu flirten.

Einige Ausländer – und darunter fallen viele Expats – müssen den Test allerdings nicht machen. Verdienen sie nämlich mehr als zwei Millionen Rubel im Jahr (das entspricht einem Gehalt von rund 2500 Euro im Monat), dann fällt der Test weg, weil sie als „hochqualifizierte Spezialisten“ gelten. Auch ihre Angehörigen brauchen keine Prüfung abzulegen. Gleiches gilt für Minderjährige unter 18 und Rentner.

Diese Ausnahme lässt vermuten, dass nicht westliche Ausländer das Ziel der neu eingeführten Prüfung sind. Vielmehr sollen die sogenannten „Gastarbeiter“ aus Zentralasien, die in Scharen als billige und geringqualifizierte Arbeitskräfte nach Russland kommen, abgeschreckt werden – auch durch die recht hohen Kosten für eine Arbeitsgenehmigung. Der Migrationstest schlägt mit 4900 Rubel zu Buche. Wer ebenfalls nicht abgeschreckt werden soll, zeigt sich bei den Vergünstigungen: Migranten aus der Südost-Ukraine (Lugansk und Donezk) müssen nur 2500 Rubel für den Test bezahlen.

Ausländer, die der Visumspflicht unterliegen, benötigen den Test für eine Arbeitserlaubnis, Ausländer ohne Visapflicht machen den gleichen Test für ein „Patent“, das sie brauchen, um arbeiten zu dürfen. 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Moskauer Deutschen Zeitung

 

 

Testen Sie Ihr Wissen mit unseren Quizen, die anhand des Integrationstestes erstellt worden sind. 

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